Die jüdische Gemeinde St. Pölten
(um 1850 bis heute)
Von 1996 bis 2002 erforschte ein Team des Instituts (Martha Keil, Matthias Lackenberger, Eleonore Lappin, Christoph Lind) die jüdische Gemeinde unseres Standortes von ihren Anfängen um 1850 bis zu ihrer Vernichtung 1940. Vor 1938 umfasste die Kultusgemeinde 1200 Mitglieder, in der Stadt selbst lebten etwa 400 Juden.
Etwa ein Viertel der jüdischen Bevölkerung - 310 Personen sind bis jetzt namentlich erfasst - fiel dem Naziregime zum Opfer; sie sind auf einem Gedenkstein vor und einer Gedenkinstallation in der Synagoge verewigt. Nur drei Familien kehrten nach dem Krieg in ihre Heimatstadt zurück, heute leben noch zwei jüdische Menschen hier.
Auch wenn die beschädigte Synagoge, originalgetreu renoviert, im Jahr 1984 wiedereröffnet wurde, entstand doch keine Gemeinde mehr. Der Raum dient nur noch als Kulturzentrum. Der neuere jüdische Friedhof (ab 1906 belegt) ist instandgesetzt und wird von der Stadt gepflegt. Die stark baufällige Zeremonienhalle wurde im Jahr 2000 renoviert. Vom alten Friedhof hat kein einziger Stein die Zeit des Nationalsozialismus überstanden.
Intensive Forschungsarbeiten galten den Landgemeinden, in denen oft nur eine jüdische Familie lebte. Der Großteil betrieb das einzige Geschäft für Waren aller Art im Ort und lebte eine "vermischte" Identität als Dorfbewohner mit städtischer Akkulturation. Während der Pogrome der Nazizeit zählten dann Nachbarn, Bekannte und Kunden zu den Tätern.
Die beiden Publikationen von Christoph Lind belegen die Verfolgung und Beraubung der Kultusgemeinde St. Pölten mit Arisierungs- und Restitutionsakten, Vermögensaufstellungen, Meldeunterlagen, Augenzeugenberichten und zahlreichen Listen der NS-Behörden. Das jüdische Leben wurde unwiederbringlich ausgelöscht.
Von November 1998 bis Jänner 1999 fand in der ehemaligen Synagoge die Ausstellung " es gab so nette Leute dort". Jüdische St. Pöltner 1850-1984 statt. Auf Einladung der Stadt St. Pölten, des Landes Niederösterreich und des Instituts waren 18 ehemalige St. Pöltner Jüdinnen und Juden mit ihren Familien bei der Eröffnung anwesend. Viele sahen einander zum ersten Mal nach 60 Jahren wieder.
Durch unsere Forschungen und die Beiträge unserer InterviewpartnerInnen konnte am Institut ein Foto- und Dokumentationsarchiv zur Kultusgemeinde St. Pölten aufgebaut werden, das für Interessierte zur Verfügung steht.
Informationen: Dr. Martha Keil und christoph.lind@injoest.ac.at
Wir danken der Stadt St. Pölten, dem Land Niederösterreich und dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur für die Unterstützung!
Geschichte wieder herstellen? St. Pöltens jüdische Vergangenheit
Die Broschüre (35 S., zahlreiche Abb.), hrsg. von Martha Keil, St. Pölten 2000, ist um 3, 60.- Euro am Institut erhältlich. Englische Ausgabe: "Restoring History? St. Pölten's Jewish Past."
Zu bestellen unter (+43-2742) 77171-0 bzw. per e-mail.
Publizierte Ergebnisse
Martha Keil, Christoph Lind, Spurensuche: Das jüdische St. Pölten. In: DAVID Zeitschrift für jüdische Kultur 19. Jg. Nr. 74 (Dezember 2007), S. 54-55. Online
Christoph Lind, "...sind wir doch in unserer Heimat als Landmenschen aufgewachsen". Der Landsprengel der Israelitischen Kultusgemeinde St. Pölten: Jüdische Schicksale zwischen Wiener Wald und Erlauf. Jüdische Gemeinden. Schriftenreihe des Instituts für Geschichte der Juden in Österreich, Band 3, hg. von Martha Keil. Landesverlag, St. Pölten 2002, 1. Auflage, EUR 19,90.
Zu bestellen unter (+43-2742) 77171-0 bzw. per e-mail.
Christoph Lind, "...es gab so nette Leute dort". Die zerstörte jüdische Gemeinde St. Pölten. Jüdische Gemeinden, Bd. 1, hrsg. von Martha Keil und Eleonore Lappin. Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten 1998
Erhältlich um Euro 19.90.- im Buchhandel.

