Jüdische Studentenverbindungen in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie 1882-1938


Dissertation von Arik Shoihtman am Institut für Geschichte der Universität Wien
Betreuerin: PD Dr. Martha Keil

Nach dem Staatsgrundgesetz von 1867 begannen Juden im gesamten habsburgischen Raum Universitäten zu besuchen. Begleitend zum Studium wurden viele Juden in verschiedene Studentenverbindungen aufgenommen. Die Teilnahme an einer studentischen Vereinigung war zu dieser Zeit weit verbreitet und bot nicht nur die Möglichkeit der studentischen Sozialisierung sondern auch zum Networking.

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Darüber hinaus führte der erstarkende Patriotismus dazu, dass sich viele Juden als Deutsche bzw. Österreicher mit mosaischer Religion deklarierten und bereit waren, sich vollständig in die Gesellschaft zu integrieren.

Als Reaktion auf das wachsende antisemitische Klima in den Burschenschaften ab den 1880er Jahren begannen jüdische Studenten eigene Studentenvereinigungen zu gründen. Auf die Gründung der Kadimah in Wien im Jahr 1882 folgte die Etablierung ähnlicher Verbindungen in der gesamten österreichisch-ungarischen Monarchie. Sie übernahmen in der Regel den Stil, die Traditionen, die sozialen Kodizes und die Utensilien ihrer nichtjüdischen Kollegen, diese wurden teilweise dem jüdischen Erbe angepasst. Die jüdischen Studentenverbindungen, die die Konzepte des Tragens von Waffen, der Ehre und anderer Merkmale der Verbindungen aufnahmen, spielten eine entscheidende Rolle in der modernen jüdischen Geschichte und halfen bei der Formung der jüdischen Moderne mit.

Die Dissertation befasst sich mit folgenden Forschungsfragen:• Was waren die externen bzw. internen Gründe für die Etablierung jüdischer Studentenverbindungen?• Welche jüdischen Studentenvereinigungen gab es?• Was waren die allgemein politischen wie auch jüdisch nationalen Ideen, die in den jüdischen Verbindungen vorherrschten, und was war ihr Beitrag zur zionistischen Ideologie?• Was waren die sozialen Merkmale der jüdischen Studentenverbindungen (Duell, Brüderlichkeit, männliche Vereinigung, lebenslange Bindung) und wie haben diese Merkmale die neue jüdische Identität geprägt und die Ankunft der jüdischen Moderne eingeläutet?• Welche Bräuche und Traditionen herrschten in den jüdischen Studentenvereinigungen vor? Was zeichnet das studentische Brauchtum aus?• 1938 wurden die meisten aktiven Verbindungen von den Behörden aufgelöst und aus dem Vereinsregister gestrichen. Die Dissertation wird sich in einem Kapitel mit den Folgen, dem Erbe und dem Beitrag der Studentenvereinigungen für die Zukunft beschäftigen. Wie haben sie die frühe israelische Geschichte beeinflusst? Die Quellen - Dokumente der Verbindungen sowie persönliche Erinnerungen - sind in den Central Archives of the Jewish People in Jerusalem, im Österreichischen Staatsarchiv in Wien, im Jabotinsky-Archiv in Tel Aviv und in Budapest beim Verband der ungarischen Juden verfügbar. Das Institut für Hochschulkunde in Würzburg verwahrt die Studentica-Sammlung von Oskar Scheuer, das Museum der jüdischen Diaspora, Beth Ha-Tefuzot, verfügt über eine umfangreiche Sammlung von Fotografien zu diesem Thema und das Leo-Baeck-Institut bietet mehrere digitalisierte Primärquellen, z. die Kadimah-Sammlung. Auch beim Österreichischen Verein für Studentengeschichte in Wien sind zahlreiche Quellen vorhanden.

Bearbeiter: |mail: Arik Shoihtman|

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Members of "Kadimah" a Zionist students association. Cracow, Poland, 1936 (Courtesy of Dr. Michael Neuman, Israel) Photo Unit Number: 15843 © Beit Hatfutsot

Die Kindertransporte zur Rettung jüdischer Kinder aus Österreich nach Skandinavien 1938-40

Das Dissertationsprojekt der aus Dänemark stammenden und in Wien lebenden Historikerin Merethe Jensen widmet sich dem beinahe vollkommen unerforschten Thema der Kindertransporte aus Österreich nach Skandinavien zwischen Sommer 1938 und März 1940.

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Bereits im April 1938 schickte der norwegische Rechtsanwalt Leo Hersson einen Vorschlag nach Wien, in welchem er einer kleinen Gruppe jüdischer Kinder aus Österreich einen zeitweiligen Aufenthalt in Norwegen anbot. Das Angebot wurde von der IKG Wien angenommen und so reisten im Juni 1938 20 Kinder nach Norwegen. Bis März 1940 folgten 310 jüdische Kinder und Jugendliche aus Österreich, die in Skandinavien der nationalsozialistischen Verfolgung – für einen kürzeren oder längeren Zeitraum – entkamen. 24 Kinder kamen nach Norwegen, 80 Jugendliche nach Dänemark und über 230 nach Schweden.

Grundsätzlich war der Aufenthalt der jüdischen Kinder und Jugendlichen in Skandinavien nur als Übergangslösung gedacht, bis deren Eltern eine neue Existenz in einem dritten Land aufbauen und wieder für die Kinder hätten sorgen können. Im Fall der Jugendalijah-Teilnehmer wurde mit einer baldigen Weiteremigration nach Palästina gerechnet. Die dänischen, norwegischen und schwedischen Entscheidungsträger befürchteten jedoch, dass es nicht möglich sein würde die unbegleiteten Flüchtlingskinder „wieder loszuwerden“, weil den leibliche Eltern die Flucht nicht gelang oder aber die Pflegeeltern zu sehr am Kind hingen. Aufgrund des politischen Widerwillens zu helfen, wurde die Rettung jüdischer Kinder von Hilfsorganisationen durchgeführt, die für sie bürgten und für ihren Lebensunterhalt sorgen mussten, damit sie den skandinavischen Staaten nicht zur Last fielen. Neben den jüdischen Gemeinden und der Jugendalijah waren dies die Schwedische Israelmission, die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit sowie die Nansen-Hilfe.

Unter Anwendung der kollektiven biografischen Methode werden Informationen zum Leben der österreichisch-jüdischen Kinder und Jugendlichen vor März 1938, zu den Erlebnissen während der nationalsozialistischen Verfolgungen, zu ihrer Reise nach Skandinavien und zu ihrem weiteren Leben bis 1945 erfasst. Zum einen werden mittels quantitativer Analyse Daten über diese Kinder und Jugendlichen gesammelt. Diese stammen u. a. aus Fragebögen und Transportlisten der IKG Wien, der Jugendalijah Wien, der Frauenliga für Frieden und Freiheit, aus Karteikarten der jüdischen Gemeinde in Schweden sowie aus der umfangreich vorhandenen Korrespondenz innerhalb der Hilfsorganisationen bzw. mit den Kindern und Jugendlichen sowie mit den Pflegeeltern bzw. den Heimen, in denen sie untergebracht waren.

Zum anderen wird die Geschichte der Kinder und Jugendlichen in den historischen bzw. gesellschaftlichen Kontext gestellt. Dies ist notwendig, um eine qualitative Analyse von  Ego-Dokumenten (publizierte und nicht-publizierte Briefe, Tagebücher, Erinnerungsberichte, Oral History-Interviews) durchführen zu können. In diesem Zusammenhang ist auch die Analyse des Erinnerungs­prozesses und die Frage bedeutsam, wie sich die im Vergleich mit sicheren Fluchtländern noch einmal erlebten Brüche – sofern sie diese überlebten – auf die Lebensläufe der Kinder auswirkten.
Schlussendlich sollen auch Gemeinsamkeiten mit ähnlichen Ereignissen – Stichwort: Kindertransporte nach England – als auch die Besonderheiten der Rettungsaktionen nach Skandinavien herausgearbeitet werden.

Bearbeiterin: |mail: Merethe Jensen, M.A.|

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Hans Reiss mit der Tochter seiner Pflegeeltern Rachel Feinberg. © Injoest

Die Niederösterreichische Regierung und die Juden in Wien (1740–1792)

Handlungsspielräume und Strategien zwischen Norm und Verwaltungspraxis

Das Dissertationsprojekt von Elisabeth Loinig untersucht die rechtliche Stellung von Juden und Jüdinnen in Wien mit besonderem Schwerpunkt auf die Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen in der Zeit von Maria Theresia bis zum Regierungsantritt von Franz II. (I).

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Im Mittelpunkt steht dabei die Tätigkeit der Niederösterreichischen Regierung, die als zuständige landesfürstliche Behörde auch mit den Agenden der Judenpolitik befasst war. Für die Juden in Wien war sie demnach die erste Instanz, an die Ansuchen zu richten waren.

Quellengrundlage sind die im NÖLA vorhandenen Geschäftsbücher und Akten der NÖ Regierung, die erst ab 1740 in nennenswertem Umfang erhalten und kaum ediert sind. Diese Akten erlauben nicht nur eine Darstellung der Verfahrensweise und -dauer in „Judensachen", sondern mithilfe der enthaltenen Ansuchen der Parteien, Gutachten der Beamten und „allerhöchsten Entschließungen“ auch die Analyse der Handlungsspielräume, der Argumentationsmuster und der Entscheidungsfindung. Diesbezüglich sind die Beantwortungen von Ansuchen armer oder verarmten Juden um Zahlungsaufschub, Steuerminderung oder Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung besonders aussagekräftig.

Im ersten Teil der Arbeit stehen die obrigkeitlichen Judenverordnungen im Vordergrund, die zum Teil aus politisch-fiskalischen Notwendigkeiten und mentalen Grundhaltungen der Zeit heraus erlassen wurden (z.B. Kriegsfinanzierung, Wirtschaftsförderung, Utilitarismus und Aufklärung; Judenfeindlichkeit). Der zweite Teil bietet eine Analyse der involvierten Personengruppen, also der Beamten und der jüdischen Antragsteller/innen.

Untersucht werden ferner die Auswirkungen der Judenpolitik, die eine soziale Spaltung der Wiener Juden in Tolerierte und Nicht-Tolerierte in prekären Verhältnissen schuf. Geprüft wird weiters, wie jüdische Frauen, die aktiv bei der NÖ Regierung vorstellig wurden, für ihre Anliegen eintraten, und ob Unterschiede zu männlichen Antragstellern in der Argumentation ihrer Ansuchen oder bei den getroffenen Entscheidungen feststellbar sind.

Bearbeiterin: |mail: Mag. Elisabeth Loinig| (NÖLA)
Betreuerin: |mail: PD Dr. Martha Keil|

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NOeLA, Hofresolutionen, 1762, Fasz. Dezember, Nr. 26 (K. 87) Bericht des Staedtischen Kommissaers Augustin Joseph Weyrauch an die NOe Regierung ueber das Aufenthaltsrecht der Familie Wertheimer