Max Grunwald

und die „Erfindung des Jüdischen“

Max Grunwald

Das Forschungsprojekt soll sich am Beispiel des Wiener Rabbiners und Historikers Max Meir Grunwald (1871-1953) mit einem bisher von der Forschung nur wenig beachteten Aspekt kultureller und religiöser Identität befassen. Das Judentum des Fin de Siècle wird zumeist als eine in zwei Teile gespaltene Minderheit dargestellt: Eine „assimilierte“ Gruppe bürgerlicher Juden steht den „orthodoxen“ jüdischen MigrantInnen aus Osteuropa gegenüber. Der Gegensatz „assimiliert“ und „orthodox“ mit allen seinen positiven und negativen Assoziationen verstellt allerdings den Blick auf eine Identität, die einerseits traditionell orientiert war, sich aber andererseits auch durchaus als modern verstand – eine Selbstverortung, die heute noch jüdisches Leben in weiten Teilen prägt. Sie spiegelt sich nicht nur in der Biographie Max Grunwalds wider, dem Ehemann von Margarethe Bloch, der Tochter des streitbaren Rabbiners und Abgeordneten Samuel Bloch. Grunwald war Rabbiner, Historiker und Erfinder der jüdischen Volkskunde und Gründer des Hamburger Jüdischen Museums. Seine komplexe Identität zeigt sich auch allgemein in einer Neuinterpretation jüdischer Geschichte zwischen moderner Wissenschaft und Folkloristik. Einzuordnen und zu kontextualisieren ist daher auch das historiographische Werk Grunwalds und seine Entstehungsbedingungen und dessen Stellung in der jüdischen Historiographie des frühen 20. Jahrhunderts.

Im Spiegel von Historiographie als Identitätsstifter stellt das Forschungsprojekt die Frage nach der Mehrschichtigkeit und durchaus auch Widersprüchlichkeit religiöser und kultureller jüdischer Identitäten. Die „Erfindung“ des Jüdischen und damit eine Vorstellung davon, was jüdisch sein soll, wurde und wird dabei nicht nur über die Geschichtsschreibung vermittelt, sondern in einem wesentlichen Teil auch an Museen, den Orten der Konstruktion und Vermittlung kulturellen Gedächtnisses.

Geschichte der Geschichtsschreibung, Museumsgeschichte und die Frage nach Erinnerungsorten und -praktiken bilden die Kontexte, in denen nach verschiedenen Identitäten gefragt werden soll. Bereits wegen der biographischen Daten Grunwalds, dessen Weg unter anderem über Hamburg und Wien nach Jerusalem führte, verweist darauf, dass jüdische Geschichte hier nicht als Teil einer lokalen, regionalen oder nationalstaatlichen Geschichte abgehandelt werden kann, sondern in der transnationalen Geschichte zu verorten ist.

Informationen: Dr. Barbara Staudinger

Das Projekt wird finanziert im Rahmen des Programms „Dynamische Qualitätssicherung Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften“ des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung.

19./20. November 2009:
Interdisziplinäre Tagung "Ist das jüdisch? Jüdische Volkskunde im historischen Kontext"

Publizierte Ergebnisse:

Barabara Staudinger, Von Dreideln, Mazzes und Beschneidungsmessern. Jüdische Dinge im Museum. Ausstellungskatalog (hg. gem. mit Birgit Johler). Wien 2011

Dies., Der kategorisierende Blick: „Jüdische Volkskunde“ und die Verortung des Judentums. In: Birgit Johler, Barbara Staudinger (Hrsg.), Ist das jüdisch? Die „Jüdische Volkskunde“ in historischer Perspektive. Wien (Buchreihe der Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde). Wien 2010

Dies., Die Volkskunde und das Jüdische – die „Jüdische Volkskunde“. Eine Standortbestimmung (gem. mit Birgit Johler). In: Birgit Johler, Barbara Staudinger (Hrsg.), Ist das jüdisch? Die „Jüdische Volkskunde“ in historischer Perspektive. Wien (Buchreihe der Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde). Wien 2010

Dies., Collecting Identities: Max Grunwalds (1871-1953) jüdisches Wien. In: Martin Scheutz, Vlasta Valeš (Hrsg.), Wien und seine WienerInnen. Ein historischer Streifzug durch Wien über die Jahrhunderte. Festschrift für Karl Vocelka zum 60. Geburtstag. Wien, Köln, Weimar 2008, S. 235-252

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