Unsere vertriebenen Nachbarn (Top Citizen Science Projekt)

Juden im niederösterreichischen Zentralraum – Forschung und Erinnerungskultur 

 1910 erfasste die Volkszählung in St. Pölten und im Zentralraum Niederösterreich, dem Einzugsgebiet der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) St. Pölten, 921 Menschen, die sich als Juden bekannten. Von den Nationalsozialisten wurden allerdings auch Personen anderer oder keiner Religionszugehörigkeit mit drei jüdischen Großeltern als „jüdisch“ kategorisiert. Sie alle mussten bis Juni 1940 von St. Pölten nach Wien zwangsübersiedeln. 371 Menschen gelang die Flucht nicht mehr, sie wurden in den Lagern und Ghettos ermordet.

Im Basisprojekt „Abgemeldet“. Die Zwangsübersiedlung St. Pöltner Juden in „Sammelwohnungen“ 1938-42 erforschten die Schüler/innen mit dem Historikerteam die Anordnungen der NS-Behörden, den Ablauf des Umzugs und das erzwungene Zusammenleben in diesen überfüllten Wohnungen. Davon ausgehend, dass sowohl eine plötzliche Abmeldung als auch ein Zuzug mehrerer Personen in eine einzige Wohnung von den Nachbarn nicht unbemerkt bleiben konnte, sollen nun „Citizen Scientists“ in ihrem persönlichen Umfeld das Schicksal der jüdischen Bevölkerung erforschen.

|Zu den Terminen|

Gefördert durch das |BMWFW|.

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Die Citizen Scientists sollen in ihren Familien- und Vereinsarchiven nach Objekten, Fotos, Dokumenten, Briefen, Erinnerungen und tradierten Aussagen suchen und sie im Dialog mit den Historikern interpretieren und kontextualisieren. Sie können ihre Materialien zu den monatlichen Workshops im Bildungshaus St. Hippolyt St. Pölten bringen und gemeinsam mit den Historikern auswerten. Im Internet können die Teilnehmer/innen unter Angabe ihrer Identität auf einem moderierten Blog (wird derzeit eingerichtet) ihre Beiträge posten und diskutieren. Eine allgemeine Einführung zur jüdischen Geschichte Niederösterreichs, zur Methode der Oral History und zur Problematik von Erinnerung und Gedächtnis gibt den Beiträgen der Teilnehmer/innen eine historische und methodische Grundlage.

Das jüdische Leben in der IKG St. Pölten und seine Vernichtung wurden bereits in mehreren Projekten erforscht, die wichtigsten Ergebnisse sind auf der Website „Juden in St. Pölten. Memorbuch“ (www.juden-in-st-poelten.at) zugänglich. Es fehlen jedoch wichtige Grundlagen und Aspekte, die nur durch eine Citizen Science-Kooperation mit interessierten Bewohnern der betreffenden Region zu ergänzen sind. Das Ziel des vorliegenden Projekts ist daher, Quellen und Informationen zu erschließen, an die Historiker nur schwer oder gar nicht herankommen: autobiographische Quellen von einstigen nichtjüdischen Nachbarn und Bekannten, private Geschäftspapiere, Vereinsunterlagen und vor allem Informationen aus der innerfamiliären Kommunikation. Forschungsthemen sind die vielfältigen Aspekte des christlich-jüdischen Zusammenlebens vor dem Krieg – Nachbarschaft, Freundschaft, Schule, Vereine, Berufs- und Alltagsleben –, die Gewalt im Nationalsozialismus und etwaige Fortsetzungen der Beziehungen nach 1945.

Den Blog und die Upload-Plattform für die Teilnehmer finden Sie |hier|.

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Faschingsumzug vor dem Haus von Alexander Fürchtgott, Prinzersdorf 1, ca. 1925 (Injoest)