Namen, Gräber und Gedächtnis

Die „Heil- und Pflegeanstalt” Mauer Öhling während der NS-Zeit
Top Citizen Science-Projekt

Nach der Beendigung der sogenannten „Aktion T4“ im August 1941, bei der rund 1.300 Patientinnen und Patienten der „Heil- und Pflegeanstalt“ Mauer-Öhling nach Hartheim bei Linz deportiert und vergast wurden, wurde anstaltsintern weiter gemordet.

Die Sterblichkeitsrate stieg drastisch an, von ca. fünf Prozent in der Vorkriegszeit auf 18 Prozent bis Jahresende 1943. Der reguläre Anstaltsfriedhof, dessen Fläche mit 1.000 Grabstellen seit der Gründung problemlos ausgereicht hatte, stieß so an seine Kapazitätsgrenzen, obwohl die Gräber bereits nach neun Jahren wiederbelegt wurden. Im Juni 1944 wurde daher begonnen, ein im Nord-Nordosten der Friedhofsmauer entlang der Straße Amstetten-Waidhofen gelegenes Waldstück zu roden, um den Friedhof um rund 300 Grabstellen in fünf Doppelreihen zu erweitern.

Die ersten ab 10. November 1944 auf diesem Gelände Begrabenen waren Opfer der Euthanasiemorde der Anstaltsärzte Dr. Emil Gelny und Dr. Josef Utz. Insgesamt wurden bis Kriegsende weitere 190 Patientinnen und Patienten getötet und auf dem „Neuen Teil“ in Massengräber – bis zu neun Personen pro Schacht – geworfen. Bis 8. Mai 1945 wurden insgesamt 275 Tote auf dem Gelände beerdigt.

Der erweiterte Friedhofsteil wurde in den 1980er Jahren aufgelassen und auf die Grabreihen Fichten gepflanzt, die mittlerweile aber aufgrund von Borkenkäferbefall wieder gerodet werden mussten. Heute ist die Fläche leer. Ohne Hinweis auf seine kontaminierte Geschichte harrt das Gelände nach wie vor einer angemessenen Gestaltung.

Im Mai 2019 wurde mit der „Himmelstreppe“ im heutigen Landesklinikum Mauer ein allgemeines Mahnmal für die Opfer des NS-Euthanasie enthüllt. Als weiteren Schritt zu einem würdevollen Gedenken sollen nun in diesem Top-Citizen-Science Projekt jene Personen, die am erweiterten Friedhofsareal begraben sind, recherchiert werden. Ziel ist es, diese aus der Anonymität zu heben und sie mit ihrem Namen zu erinnern.

Auf Grundlage des Totenbuchs der Friedhofsverwaltung, der am Niederösterreichischen Landesarchiv erhaltenen Standesprotokolle und Krankenakten sollen interessierte Bürgerinnen und Bürger eine Auswahl der Lebensgeschichten dieser Menschen rekonstruieren, diskutieren und dokumentieren. Der Friedhof soll von einem heute in Vergessenheit geratenen, anonymen Ort in einen Gedächtnisort umgewandelt werden.

Nach der |Eröffnungsveranstaltung im Rathaussaal der Stadt Amstetten am 10. September 2019 um 19:00 |sind Workshops, ein historischer Rundgang am Gelände des Landesklinikums, Filmpräsentationen und ein Besuch des NÖLA in St. Pölten geplant. Die Termine werden zeitgerecht auf unserer Homepage www.injoest.ac.at/aktuelles angekündigt.

|Programmblatt|

Projektleitung: |mail: PD Dr. Martha Keil
ProjektmitarbeiterInnen: |mail: Dr. Wolfgang Gasser|, |mail: Dr. Philipp Mettauer|, |mail: Tina Frischmann, BA||mail:
Kooperationspartner: |mail: Dr. Thomas Buchner| (Stadtarchiv Amstetten)

In Kooperation mit der |Stadt Amstetten |und dem |Landesklinikum Mauer|. Gefördert durch das |Zentrum für Citizen Science|.