Koscher in Wien 1848–1918. Produktion und Konsum

Kaschrut (rituelle Tauglichkeit) ist ein umfassendes Konzept des Judentums, das auch sämtliche Speisevorschriften beinhaltet. Die koschere Lebensgestaltung ist eine Säule jüdischer Religionspraxis, Lebensgestaltung und Identität. Zwar lässt sich nicht feststellen, zu welchem Prozentsatz die jüdische Gemeinschaft – ab 1852 die Israelitische Kultusgemeinde – in Wien koscher gelebt hat, doch ist davon auszugehen, dass für einen relevanten Teil ihrer 1910 ca. 175.000 Mitglieder in mehr oder weniger großem Ausmaß ein Bedarf an koscherer Nahrung bestand. Trotzdem ist dieser Aspekt der jüdischen Geschichte Wiens bisher nur am Rande erwähnt und kaum erforscht worden. Das vorliegende Projektvorhaben untersucht daher aus historischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive die Bedingungen einer koscheren Infrastruktur in einem nichtjüdischen Umfeld: die Produktion, das Koscher-Machen, den Handel und den Verzehr.

Erstmals wird die Versorgung der jüdischen Bevölkerung Wiens mit koscherer Nahrung untersucht, und zwar ab der freien Zuwanderung 1848 bis zur Ausrufung der Ersten Republik 1918. Es geht nicht nur um die  Einfuhr von Agrarprodukten, die aufgrund mangelnder Anbauflächen für ganz Wien notwendig war, sondern auch um die koscher produzierenden Betriebe der Nahrungs- und Genussmittelindustrie sowie den koscheren Lebensmittelhandel. Im breiten Themenraum des Endverbrauchs und Verzehrs sind einerseits innerjüdische Fragen rund um die Observanz der Speisegesetze in einem nichtjüdischen Umfeld und angesichts der zunehmenden Akkulturation zu untersuchen. Andererseits trugen auch die technischen Errungenschaften in den privaten Haushalten zu Veränderungen in der koscheren Lebenspraxis bei. Über den privaten Raum hinaus wird der Frage nachgegangen, wie dem Bedarf an koscherer Kost in nichtkonfessionellen öffentlichen Institutionen wie Krankenhäusern, Schulen und Gefängnissen Rechnung getragen wurde.

Die große Krisenzeit des Untersuchungszeitraums, der Erste Weltkrieg, brachte die Stadt nicht nur bezüglich der Versorgung mit koscheren Lebensmitteln an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Untersucht wird, welche koscheren Nahrungsmittel im weiteren Kriegsverlauf überhaupt noch erhältlich bzw. bezahlbar waren. Auch die Versorgung mit ritueller Kost beim Militär, sowohl für die Armee als auch für Kriegsgefangene und in Flüchtlingslagern, soll im Rahmen des Vorhabens erforscht werden.

Methodisch basiert die Bearbeitung der Thematik auf dem methodischen Konzept der „Kontaktzonen“, die sich aus dem „spatial turn“ seit den 1990er Jahren entwickelt haben – die Kategorie „Raum“ trat (wieder) neben die Kategorie „Zeit“. Aus dem „Raum“ und seinen Grenzen ergeben sich unterschiedliche „Kontaktzonen“, die aus der Interaktion von jüdischen und nicht-jüdischen Akteurinnen und Akteuren aller Bereiche der koscheren Lebensführung konstituiert und sichtbar werden. Diese Zonen umfassen die landwirtschaftliche Produktion, den Verkauf und Verzehr sowie Märkte und Militär. Für die historische und kulturwissenschaftliche Forschung öffnen sich hier somit unterschiedliche geographische, gesellschaftliche und kulturelle Räume, die von Juden und Nichtjuden gemeinsam, aber auch in Abgrenzung voneinander genutzt wurden.

Informationen: |mail: Dr. Christoph Lind|

Wir danken dem Jubikäumsfonds der Österreichischen Nationalbank und dem Land Niederösterreich für die Unterstützung des Projekts!