Jüdisches Leben im ostgalizischen Dreieck 1860–1939

 

Als „ostgalizisches Dreieck“ ging jene ethnisch wie religiös heterogene Bevölkerung in die Geschichte ein, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts 49 östliche Bezirke des habsburgischen Kronlandes Galizien bewohnte. Ihre Erforschung wirft daher Fragen auf, die auch für aktuelle Gesellschaften höchst relevant sind: Welche sozialen wie individuellen Voraussetzungen bedingten ein dauerhaftes friedliches Nebeneinander, wie entstanden und manifestierten sich interkulturelle Konflikte, insbesondere die unterschiedlichen Formen von Judenfeindlichkeit, und welche Lösungsstrategien wurden gefunden?

Während der behandelten acht Jahrzehnte umfasste die Bevölkerung Galiziens drei bis fünfeinhalb Millionen Menschen, 60 bis 66% griechisch-katholische Ukrainer, 20 bis 30% römisch-katholische Polen und zehn bis 13% Juden. Hinzu kamen kleine deutsche und armenische Einsprengsel. Das Projekt untersucht das Leben ostgalizischer Juden mit ihren ukrainischen und polnischen Nachbarn in verschiedenen sozialen Räumen – in den Dörfern, kleineren wie größeren Städten und im Industriegebiet Boryslaw. Dafür werden auf der einen Seite Bevölkerungs- und Wirtschaftsstatistiken, Verwaltungs-, Polizei- und Gerichtsakten herangezogen, auf der anderen Seite sind es Ego-Dokumente (Briefe, Tagebücher, Erinnerungen) und zeitgenössische literarische Texte, die alle drei Volksgruppen, aber auch bestimmte Orte, gesellschaftliche Milieus, individuelle Frauen- und Männerperspektiven repräsentieren. Sichtweisen und Wahrnehmungen einzelner Menschen werden sowohl einander als auch bezifferbaren Parametern kritisch gegenübergestellt. Durch diese Bündelung des Subjektiven und Objektiven, des Individuellen und Kollektiven werden die Formen des Zusammenlebens in den jeweiligen sozialen Räumen und unter den jeweiligen politischen und staatsrechtlichen Rahmenbedingungen verdeutlicht. Bis 1918 gehörte Ostgalizien der als Vielvölkerstaat definierten österreichischen Hälfte der Habsburgermonarchie an. Zwischen 1918 und 1939 lebten die galizischen Juden mit ihren ukrainischen und polnischen Nachbarn im polnischen Nationalstaat, dessen Gesamtbevölkerung allerdings zu einem Drittel aus Minderheiten bestand.

Die unterschiedlichen Lebenswelten werden mit dem übergeordneten Begriff „Kultur“ erschlossen. Sie umfasst symbolische Ordnungen mit ihren Normen und Werten, Erfahrungen, Wahrnehmungs-, Denk- und Verarbeitungsweisen, die sich schließlich im Verhalten äußern. Kultur umfasst aber auch die unmittelbare Umwelt der Menschen, ihre wirtschaftliche und soziale Lage und ihre Lebensverhältnisse. Durch die Verbindung des lebensweltlichen Ansatzes und der sozialhistorischen Perspektive, durch die Überkreuzung unterschiedlicher Sicht- und Wahrnehmungsweisen werden Schieflagen und Blickverengungen vermieden.

Wie auch in heutigen Gesellschaften lebten die Akteure des ostgalizischen Völkerdreiecks in ihren drei Parallelwelten. Interkulturelle Kommunikation kam nur an bestimmten sozialen Orten zustande. Deshalb haben wir hier meist mit drei voneinander isolierten historischen Narrativen zu tun. Das Projekt wirkt dieser Zerstückelung entgegen, indem es vor allem durch den gemeinsamen sozialhistorischen Kontext eine Annäherung an das Ganze ermöglicht. In diesem Kontext werden die drei ethnisch-kulturellen Gemeinschaften und ihre sozialen Schichten im Laufe der behandelten acht Jahrzehnte miteinander verglichen.

Informationen: |mail: Dr. Svjatoslav Pacholkiv|

Wir danken dem| Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung| (FWF) für die Förderung des Projekts!

Bildinformation: Das Emigrantenhaus in Lemberg (1930) war eine gemeinsame Anlaufstelle für jüdische, ukrainische und polnische Auswandernde, die vorübergehend Unterkunft, sowie Beratung und Schulungen erhielten. Finanziert und gebaut wurde es durch jüdische, ukrainische und polnische Genossenschaften.

 
Emigrantenhaus in Lemberg, 1930