Fluchterfahrung als Vorteil? Am Beispiel der jüdischen Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina in Wien und Niederösterreich 1918 –1941

In der Migrationsforschung wird immer wieder die These zur Diskussion gestellt, dass Menschen mit rezenter eigener oder familiärer Fluchterfahrung im Falle einer neuerlichen Bedrohung wachsamer wären und rascher notwendige Maßnahmen zur rettenden Ausreise treffen würden. Diese These soll anhand der im Zuge der Umbruchsjahre rund um den Ersten Weltkrieg aus Galizien und der Bukowina nach Wien geflüchteten Jüdinnen und Juden überprüft werden. Anhand der Meldedateien und Opferdatenbanken lässt sich ermitteln, ob der Prozentsatz derer, die sich retten konnten, über dem der schon mehrere Generationen in Wien lebenden jüdischen Verfolgten lag, ob besondere Netzwerkaktivitäten und Behördengänge erfolgten und eventuell dieser Aspekt in persönlichen Erinnerungen oder zeitgenössischen Ego-Dokumenten zur Sprache kam.

Neben der auf klassischem Archivmaterial ruhenden wissenschaftlichen Aufarbeitung werden Ego-Dokumente der Geflohenen und deren Nachkommen Eingang in die Betrachtung finden, um so die quantitativen Resultate in direkte Korrelation mit der Erinnerung der Betroffenen zu bringen. Der Zugang zu den (Auto-)Biographien der ersten und zweiten Generation erfolgt über die internationalen Netzwerke, wie etwa „ephes“ für die Bukowina, die sich als „digitale jüdische Landmannschaften“ verstehen und über den gesamten Globus verteilt sind. Auch das Web-Projekt „Centropa“ von Edward Serotta wird hier ergiebig sein.

So soll einerseits das Bild vervollständigt werden, andererseits wird nachgeforscht, wie konzise die Erinnerung über die eigene Flucht ist sowie ob und wie sie im Familiengedächtnis bestehen bleibt.

Informationen: Dr. Benjamin Grilj

Wir danken der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7), dem Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus und dem Zukunftsfonds der Republik Österreich für die Unterstützung des Projekts!