„Ostjuden“ – Geschichte und Mythos

Vortragsreihe
am Jüdischen Institut für Erwachsenenbildung
Praterstern 1
1020 Wien

Jeweils Dienstag 18.30

Die Vortragsreihe behandelt den ambivalenten Begriff „Ostjuden“ in seinem historischen Kontext, die Stadt Brody als komplexen Schauplatz galizisch-jüdischer Kultur und zwei Hauptziele der Migration mit ihren Erfolgsgeschichten und Schattenseiten.
Organisation: PD Dr. Martha Keil (INJOEST)

21.2.: Dr. Sviatoslav Pacholkiv (INJOEST)
„Ostjuden“: Selbstverständnis und antisemitisches Klischee

28.2.: Dr. Börries Kuzmany (Doktoratskolleg Galizien)
Das galizische Brody – zwischen jüdischer Großstadt und Schtetl

6.3.: Dr. Martha Keil (INJOEST)
Halunken und verlassene Frauen. Die Schattenseite der ostjüdischen Migration in die USA

13.3.: Dr. Barbara Staudinger (INJOEST)
Galizische Juden in Wien: Zwischen Hoffnung, Wohlfahrt und Antisemitismus


Juden und Geheimnis

22. Internationale Sommerakademie
4.-6. Juli 2012
Veranstaltungszentrum Erste Bank, Wien 1, Petersplatz 7

Das Geheimnis ist eine kulturelle Praktik. Es eint die Geheimnisträger, die (Mit-)Wissenden und grenzt sie von den „anderen“, den Außenstehenden, ab. Gesellschaften, soziale Gruppen, besitzen nicht nur selbst geheimes Wissen, sondern vermuten auch Geheimnisse beim jeweils anderen. „Geheimwissen“, „geheime Codes“, geheime Schriften und Sprachen, Verstecke, geheime Riten und Missionen formieren daher die Gesellschaft – nach Außen wie nach Innen. Der Austausch von Geheimnissen, ist, unabhängig vom Inhalt des Geheimnisses, soziale Interaktion. Geheimnisse sind zumeist prinzipiell Wissbares, oft sind sie nützliches Wissen, manchmal öffentlich, manchmal privat, unsagbar oder versagt (Jan Assmann). Geheimnisse funktionieren nur vor dem Hintergrund einer Öffentlichkeit und einer Neugier, die sich wechselseitig konstituieren.

Gespiegelt an der jüdischen Geschichte bekommt die kulturelle Praktik des Geheimnisses eine besondere Dimension. Jüdinnen und Juden galten als Geheimnisträger schlechthin – und das auf mehreren Ebenen: Im antijüdischen Kontext standen sie im Verdacht, sich gegen die Christenheit zu verschwören, der Talmud galt als Geheimwissen, Juden wurden mit Geheimbünden in Zusammenhang gebracht (Freimaurerei) und man vermutete bei ihnen magische Praktiken und den Einsatz des Hebräischen als Geheimsprache. Auf politisch-öffentlicher Ebene war das (geheime) Wissen jüdischer Ärzte besonders begehrt, nutzte man Kontakte jüdischer Kaufleute, um sie als Spione einzusetzen (und verdächtigte Juden vice versa der Spionage und Kollaboration). Im Kontext der Wissensgeschichte galt die Kabbala als Geheimwissenschaft, ebenso wie die Alchemie, unter deren Vermittlern auch Juden waren.

(Vermeintliche) Geheimnisse der Juden, Handel von Geheimnissen durch Juden, Geheimhaltung und Geheimnisaufdeckung ist eine Dimension der jüdisch-christlichen Beziehungen, wie kürzlich Daniel Jütte festgestellt hat. In der „geheimen“ spiegelt sich die „öffentliche“ Geschichte der Koexistenz. Dies gilt, auch wenn sich die Welt der Geheimnisse durch die wissenschaftliche Revolution des 17. Jahrhunderts gewandelt hat, nicht nur für die Vormoderne. Geheimes Wissen und Wissen um Geheimnisse sowie die Inszenierung von Geheimnissen haben zwar in der Moderne einen anderen Stellenwert, sie sind dennoch Teil des kollektiven Gedächtnisses und „Wissens“.
Die Tagung will das Thema „Geheimnisse“ von zwei Perspektiven betrachten. Zum einen geht es um die innerjüdische Wahrnehmung, um geheimes Wissen, das nur wenigen zugänglich war. Wie formierte dieses die jüdische Gesellschaft? Neben der Rolle von Geheimnissen und jener der Geheimnisträger und -vermittler sollen Strategien der Geheimhaltung, gegen Aufdeckung und unterstellte Geheimnisse, diskutiert werden. Auf der anderen Seite soll der Blick von außen auf die Juden fokussiert werden. Welche Geheimnisse wurden auf die Juden projiziert? Welche Funktion nimmt das Bild der Geheimhaltung im öffentlichen Diskurs ein? Die Geheimniskompetenz, die Juden zugeschrieben wurde, und ihre Veränderung stehen dabei ebenso im Blickpunkt wie die Funktion von Juden bei der Vermittlung von Geheimnissen.

Wir danken der Erste Bank für die Unterstützung unserer Veranstaltung!

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