Die jüdische Frau im Spätmittelalter

Namhaft im Geschäft, unsichtbar in der Synagoge

Illuminierte Ketuba, Krems 1391/92 (Österr. Nation...

Im 13. Jahrhundert hat die rechtliche und gesellschaftliche - nicht: sozial-religiöse! - Stellung der Frau im aschkenasischen Raum, Frankreich und Italien eine signifikante Verbesserung erfahren, sowohl in judenrechtlicher als auch in jüdisch-rechtlicher Hinsicht (Gerichtsfähigkeit, Mobilität, Bildung, Schutz vor Misshandlung, Erleichterung bei gewissen halachischen Sachzwängen wie z. B. Gefangenschaft). Der Grund dafür liegt in ihrer zunehmenden Bedeutung im Wirtschaftsleben von Stadt, Gemeinde und Familie. Auch wenn der Frauenanteil bei den Spitzendarlehen an österreichische Herrscher und Adelige nur etwa ein Zwanzigstel betrug, lässt sich der Status von jüdischen Frauen aus Oberschichtfamilien in Lebensweise und Möglichkeiten durchaus mit adeligen Frauen vergleichen. Bei Geschäften mit Handwerkern und Unterschichten waren Frauen regional signifikant hoch mit bis zum einem Drittel vertreten. Unter den Geschäftsfrauen finden sich, was nicht überrascht, zahlreiche Witwen, aber durchaus auch verheiratete Frauen.

Wenn auch die Machtstruktur der mittelalterlichen patriarchalischen Gesellschaft bei Juden wie bei Christen nicht grundlegend aufgebrochen werden konnte, war es doch einzelnen Frauen möglich, kraft ihres finanziellen Vermögens auch gemeindepolitische Macht zu erlangen - dieser Aspekt der jüdischen Geschichte wurde erst durch die Methoden der Gender Studies sichtbar. Frauen fungierten als Unterhändlerin, Steuereinnehmerin, Friedhofsverwalterin und in zwei Fällen sogar als Gemeindevorsteherin.

Im krassen Gegensatz zu diesem vielfach selbstbestimmten Leben stand der konsequente Ausschluss der Frauen vom Gemeindegottesdienst und Synagogenraum. Die Annahme liegt nahe, dass mit dieser Ausgrenzung versucht wurde, Frauen aus den letzten Bastionen der öffentlichen Ehre zu verdrängen. Hauptargument der Rabbiner war die Sittlichkeit der Frauen, über die sich das Ansehen der Männer definierte, und hier verblüfft die Parallele zu den Aussagen der christlichen Gelehrten. Andererseits internalisierten jüdische Frauen die ihnen zugeschriebene Rolle und verstärkten sie freiwillig. Möglicherweise orientierten sie sich an den heiligmäßigsten Frauen der christlichen Gesellschaft, den Nonnen, welche mit ganz ähnlichen Konzepten und baulichen Manifestationen aus dem Kirchenraum verbannt waren.
Unter diesem Aspekt ist die zunehmende Ausgrenzung der Frauen aus der Synagoge vielleicht eher als "Frömmigkeitswettbewerb" der beiden Religionsgemeinschaften zu sehen und weniger als Gegenreaktion der männlichen Oligarchie auf weibliche Machtpositionen. "Nonnenklausur und Frauenschul" - die Absonderung aus Gründen der Reinheit und Sittsamkeit sind vergleichbare Konzepte.

Das Projekt wurde in den Jahren 2002-2003 durch ein Charlotte Bühler-Stipendium des FWF gefördert.

Eine Möglichkeit zum Download eines Vortrags von PD Dr. Martha Keil im Rahmen der Ringvorlesung Liebeslust und Ehefrust an der karl-Franzens-Universität Graz im April 2010 finden sie hier!

Informationen: Dr. Martha Keil

Publizierte Ergebnisse

Martha Keil, Aguna („die Verankerte): Strategien gegen die Benachteiligung der jüdischen Frau im Eherecht (1400-1700). In: ASCHKENAS – Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden Jg. 17, Heft 2 (2007, erschienen 2010) 323-343.

Dies., Sittsam und mächtig: Jüdische Frauen im Spätmittelalter. In: Gerald Lamprecht (Hg.), „So wirkt ihr lieb und hilfsbereit…“. Jüdische Frauen in der Geschichte. Graz 2009 (Clio -historische und gesellschaftspolitische Schriften 8), 35-49.

Dies., Mobilität und Sittsamkeit: Jüdische Frauen im Wirtschaftsleben des spätmittelalterlichen Aschkenas. In: Wirtschaftsgeschichte der mittelalterlichen Juden (Hg. von Michael Toch, Schriften des Histori­schen Kollegs München, Kolloquien 71, München 2008), S. 153-180.

Dies., Schutzkreis und Fürbitten: Geburt und Tod bei Juden und Christen im mittelalterlichen Aschkenas. In: Chilufim. Zeitschrift für jüdische Kulturgeschichte 4 (2008), S. 59-78.

Dies., Unsichtbare Frauen oder: „…was nicht sein darf.“ Jüdische Geschäftsfrauen im Spätmittelalter als Forschungsobjekte. In: Zwischen den Zeilen. 20 Jahre Institut für jüdische Geschichte Österreichs (Juden in Mitteleuropa 2008), S. 40-49 (Zweitabdruck).

Dies., Geschäftsleben und Frauenrechte: die wirtschaftliche, rechtliche und sozio-religiöse Lage jüdischer und christlicher Frauen in Österreich, Kroatien und der Tschechischen Republik (13. bis 16. Jhdt.). Ein Werkstattbe¬richt, in: Ein Thema – zwei Perspektiven, ebda., S. 307-317.

Dies., Jüdinnen als Kategorie? Judinne in obrigkeitlichen Urkunden des deutschen Spätmittelalters. In: Räume und Wege. Jüdische Geschichte im Alten Reich 1300-1800 (Hrsg. von Rolf Kießling, Peter Rauscher, Stefan Rohrbacher, Barbara Staudinger (Colloquia Augustana 25) Augsburg 2007, S. 335-361.

Dies., Unsichtbare Frauen oder "was nicht sein darf." Jüdische Geschäftsfrauen im Spätmittelalter als Forschungsobjekte. In: Beste aller Frauen. Weibliche Dimensionen im Judentum. Ausstellungskatalog (Hg. im Auftrag des Jüdischen Museums Wien von Gabriele Kohlbauer-Fritz und Wiebke Krohn, Wien 2007), 98-107.

Dies., „Und sie gibt Nahrung ihrem Haus“. Jüdische Geschäftsfrauen im spätmittelalterlichen Aschkenas. In: DAVID. Jüdische Kulturzeitschrift, 17.Jg, Nr. 66 (Sept. 2005), S. 54-56. Online

Dies., "Und sie gibt Nahrung ihrem Haus". Jüdische Geschäftsfrauen im spätmittelalterlichen Aschkenas. In: Europas Juden im Mittelalter. Hg. vom Historischen Museum der Pfalz Speyer. Speyer 2004, S. 83-89.

Dies., "She Supplied Provisions for her Household". Jewish Business Women in Late Medieval Ashkenaz. The Jews of Europe in the Middle Ages. Edited by Historisches Museum der Pfalz Speyer, Speyer 2004, S. 83-89.

Dies., Lilith und Hollekreisch - Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett im Judentum des deutschen Spätmittelalters. In: Gabriele Dorffner, Sonia Horn (Hg.) Aller Anfang - Geburt, Birth , Naissance. Tagungsband der 5. Wiener Gespräche zur Sozialgeschichte der Medizin (2004) S. 145 - 172.

Dies., Namhaft im Geschäft - unsichtbar in der Synagoge: Die jüdische Frau im spätmittelalterlichen Aschkenas, in: Europas Juden im Mittelalter. Beiträge des internationalen Symposiums in Speyer vom 20. bis 25. Oktober 2002, hg. von Christoph Cluse. Trier 2004, 344-354

Dies., Public Roles of Jewish Women in Fourteenth and Fifteenth-Century Ashkenaz: Business, Community, and Ritual, in: The Jews of Europe in the Middle Ages (Tenth to Fifteenth Centuries): Proceedings of the International Symposium held at Speyer, 20-25 October 2002, hg. von Christoph Cluse, Turnhout: Brepols, 2004 (Cultural Encounters in Late Antiquity and the Middle Ages, 4) S. 317-330.

Dies., Projekte zu jüdischen Frauen im spätmittelalterlichen Aschkenas. In: Pardes Nr. 9 (Dezember 2004), S. 21-27.

Dies., Geschäftserfolg und Steuerschulden. Jüdische Frauen in österreichischen Städten des Spätmittelalters. In: Frauen in der Stadt. Hg. von Günther Hödl, Fritz Mayrhofer und Ferdinand Opll. (Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas Band XVIII = Schriftenreihe der Akademie Friesach 7), Linz 2003, S. 37-62.

Dies., Rituals of Repentance and Testimonies at Rabbinical Courts in the 15th Century. In: Papers of the Workshop "Oral History in the Middle Ages", ed. by Gerhard Jaritz. Budapest 2002, S. 159-170.

Dies., "Maistrin" und Geschäftsfrau. Jüdische Oberschichtfrauen im spätmittelalterlichen Österreich. In: Sabine Hödl, Martha Keil (Hrsg.), Die jüdische Familie in Geschichte und Gegenwart. Bodenheim/Mainz 1999, S. 27-50.

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