Zu Hause bei den Scheys
"Weibliche Lebenswelten im jüdischen Großbürgertum anhand der Briefe von Mathilde Lieben (geb. Schey) an ihre Cousine Marie de Rothschild (geb. Perugia)"
Projektbearbeiterin: Lisa-Maria Tillian
Dissertationsprojekt an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultär der Universität Wien, Betreuung: PD Dr. Martha Keil
Das Rothschild-Archiv in London bewahrt neben einer Fülle von geschäftlichen Aufzeichnungen des Familienunternehmens zahlreiche private Schriftdokumente. Diese Dokumente ermöglichen Historiker/innen einen besonderen Blick auf einzelne Mitglieder der prominentesten jüdischen Familie des 19. Jahrhunderts. Doch nicht nur die Rothschilds lassen sich erforschen – ein besonderes „Gustostückerl“ des Archivbestandes führt nämlich nach Österreich und in die Welt der jüdischen Familie Schey, genauer: in die Welt der Mathilde Schey (1861-1940). Die Kostbarkeit von Mathilde´s Briefen wurde im Jahr 2001 in den Londoner Archivbestand aufgenommen: Nachkommen von Leopold de Rothschild (1845-1917) und seiner aus Österreich/Italien stammenden Ehefrau Marie Perugia (1862-1937) übergaben dem Archiv eine große Anzahl von an Marie adressierten Briefen.
Als Absenderin eines Großteils dieser Schriftstücke tritt Mathilde Schey (ab 1887 Mathilde Lieben), die Cousine von Marie Perugia (ab 1881 Marie de Rothschild), auf. Mathilde war eines von acht Kindern des Großhändlers Friedrich Schey (1815-1881) und seiner Gattin Hermine, geb. Landauer (1822-1904).
Die Familie Schey war Teil der jüdischen Oberschicht Wiens. Die Geschichte ihres Aufstiegs kann beispielhaft für viele wohlhabende jüdische Familien jener Zeit stehen, denen es gelungen war, die wirtschaftlichen Gegebenheiten und die endlich erreichte rechtliche Gleichstellung zu ihren Gunsten zu nutzen. Das Wiener Stadt- und Landesarchiv widmete der Familie Schey im Jahr 2007 eine Kleinausstellung, in deren Zentrum Mathilde´s Vater Friedrich und seine wirtschaftlichen Aktivitäten sowie sein kulturelles Engagement standen. Im dazu erschienenen Ausstellungskatalog wird Mathilde vor allem im Zusammenhang mit ihrem Ehemann, dem Chemiker Adolph Lieben erwähnt. Ihre bisher unbekannten Briefe lassen es nun zu, in der von mir angestrebten Untersuchung das Mädchen und die Frau Mathilde Schey/Lieben in das Zentrum zu rücken.
Die im Archiv vorhandenen Briefe von Mathilde an ihre Cousine Marie umfassen den Zeitraum von 1872 bis 1937. Nicht nur diese intensive Praxis des Schreibens selbst, welche schon im Kindesalter gepflegt wurde, sondern auch die Briefinhalte legen erstens Zeugnis ab von der Annahme bürgerlicher Werte und Vorstellungen und zweitens von der Zugehörigkeit zur gesellschaftlichen Oberschicht Österreichs.
Eine zentrale Fragestellung bei der Auswertung und Analyse der Briefe wird demnach sein, wie der Spagat zwischen dem Bewahren jüdischer Eigenständigkeit und Identität einerseits und Assimilation und Weltoffenheit andererseits gemeistert wurde.
Mathilde´s Briefe an ihre Cousine Marie zeichnen auch ein Bild von einem großen familiären und gesellschaftlichen Netzwerk, das durch gezielte, teils innerfamiliäre Eheschließungen zustande kam. Es wird deutlich, dass diese Verwandtschaft als soziales Auffangnetz fungierte und dass Hilfe von den wohlhabenden Familienmitgliedern geradezu eingefordert wurde. Die Briefe bieten reichhaltiges Material für eine eingehende familiengeschichtliche Untersuchung dieser Netzwerke und des Umfeldes der Damen Schey (Lieben)/ Perugia (Rothschild).
Die Briefdokumente versprechen des Weiteren auch einige Erkenntnisse zur kulturellen Praxis in der Welt des jüdischen Bürgertums im ausgehenden 19. Jahrhundert. Besonderes Augenmerk soll beispielsweise auf die Erwähnung von Realien, Reisetätigkeiten, Erziehung und Bildung sowie „Kulturkonsum“ (Literatur, Musik, Theater) gelegt werden.
Nicht zuletzt lassen die Briefe – von einer Frau an eine andere Frau geschrieben – einen Einblick in weibliche Lebenswelten und Bereiche des jüdischen Bürgertums zu. Von zentralem Interesse wird es sein, Rollenbilder, Darstellungen, Erwartungen, Selbstwahrnehmung und Positionierung innerhalb der Familie und der Gesellschaft zu erforschen. Es soll u. a. der Frage nach einer denkbaren Mehrschichtigkeit weiblicher Identität nachgegangen werden: In dem großen Zeitraum der Korrespondenz der beiden Damen liegen deren Mädchen-, Ehe- und Witwenjahre. Mathilde Schey etwa war in verschiedenen Lebensabschnitten sowohl eine Angehörige der Oberschicht und Jüdin als auch Ehefrau bzw. Witwe und es ist anzunehmen, dass sich aus dieser Mehrschichtigkeit jeweils unterschiedliche Handlungsmuster ergaben.
Alle Bilder wurden mit Erlaubnis des Rothschild-Archivs London verwendet.



