Nach dem Toleranzpatent: Galizische Juden 1790 – 1848
Das vorliegende Projekt ist die Fortsetzung des abgeschlossenen FWF-Projekts „Vom Kahal zur Israelitischen Kultusge¬meinde: Galizische Juden 1772 – 1790“. Am Anfang dieser Übergangszeit standen 64 miteinander assoziierte galizische Kahalim mit weitreichenden politischen und fiskalischen Befugnissen. An ihrem Ende waren es 141 vereinzelte, nur für kultische Angelegenheiten zuständige Judengemeinden. Anhand der Akten der Lemberger und Wiener Behörden sowie der galizischen IKG wird dieses Forschungsprojekt die wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Toleranzpatents erforschen, und zwar sowohl für gesamte Gemeinden als auch für einzelne Individuen.
Mehrere galizische Kahalim waren bereits während der Übergangsphase 1772-1790 stark verschuldet. Außerdem häuften sie während der theresianisch-josephinischen Epoche neue Steuerschulden, da zu Beginn der österreichischen Herrschaft in Galizien zahlreiche spezifisch jüdische Abgaben eingeführt. wurden: der Domestical-Beitrag, die Lichtzündsteuer, der Koscherfleischaufschlag sowie die Kameral-, Minjanim- und Heiratstaxen. Dar¬aus ergab sich eine enorme finanzielle und soziale Belastung der jüdischen Bevölkerung, von der mehr als drei Viertel ohnehin der untersten Steuerklasse angehörten.
Es ist des weiteren zu fragen, wie sich die Dezentralisierung, ja Atomisierung des galizischen jüdischen Gemeindewesens auf die Verbreitung der Haskalah und des Chassidismus auswirkte. Während die zumindest anfänglich vom aufgeklärten Absolutismus unterstützten Maskilim an die Spitze solcher „urbanen“ Gemeinden wie Lemberg, Brody und Tarnopol kamen, waren in den meisten kleineren Judengemeinden des Landes die Chassidim nicht nur zahlenmäßig sondern auch in den Gemeindevorständen dominierend. Sie bildeten veritable Oligarchien, deren Netzwerke und soziale Interaktionen zu analysieren sind.
Im engen Zusammenhang mit der Verbreitung der Haskalah und der Politik des aufgeklärten Absolutismus stand das von Herz Homberg geleitete deutsch-jüdische Schulwesen. Die erste dieser insgesamt 107 Schulen und Schulklassen wurde in Galizien 1787 gegründet, die Blütezeit dieses Schulwesens war jedoch erst nach 1790. Der Archivbestand der Lemberger IKG enthält Akten aus mehreren Gemeinden über die Finanzierung der Schulen, den Bau und die Renovierung der Schulgebäude, die Entlohnung der Lehrkräfte sowie ausführliche Schülerlisten. Außer den Schulen selbst liegt das Augenmerk vor allem auf ihren Schülern – einer anders als bis dahin ausgebildeten jüdischen Generation. Sie wurde zu den wichtigen jüdischen Akteuren während der Ereignisse des Jahres 1848 im Kronland.
Mit einem jüdischen Bild des Revolutionsjahres in Galizien, welches eine Epoche des Übergangs von der Toleranz zur bürgerlichen Gleichberechtigung eröffnete, wird dieses Projekt abgeschlossen.
Finanziert durch den FWF: P23066-G18
Information: Dr. Svjatoslav Pacholkiv
Publikationen
Svjatoslav Pacholkiv, Die Politik des aufgeklärten Absolutismus und die Judengemeinden Galiziens. In: Frühneuzeit-Info 22/1-2 (2011), S. 75-89.
Ders., Gminy żydowskie w Galicji w ll. 1772-1848. Zagadnienia badawcze. [Jewish Communities in Galicia 1772-1848. The Research Issues]. In: Galicja 1772-1918. Problemy metodologiczne, stan i potrzeby badań [Galicia 1772-1918. The Methodological Problems, State of Research and Research Needs], Bd. 1-3, ed. Agnieszka Kawalec et al. (Rzeszów 2011) Bd. 2, S. 9-26.
Ders., Українсько-єврейське співжиття в Галичині й конструювання національного [The Ukrainian-Jewish Coexistence in Galicia and the Construction of the National]. In: Україна. Процеси націотворення [Ukraine. Processes of Nation-Building]. Упорядник Андреас Каппелер (Київ 2011), S. 213-225.

