Ungarisch-jüdische ZwangsarbeiterInnen
in Österreich 1944/45: Zwangsarbeit, Todesmärsche und Aufarbeitung durch die Zweite Republik
Nach der Okkupation Ungarns durch die deutsche Wehrmacht im März 1944 wurden etwa 60.000 ungarische Juden zur Zwangsarbeit in das Gebiet des heutigen Österreich erschleppt. Ein Teil der Deportierten wurde weiter in Konzentrationslager im Deutschen Reich verbracht, Zehntausende verblieben in Österreich, wo sie zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden.
Dieses Projekt befasste sich mit jenen ungarischen Juden und Jüdinnen, die nicht hinter KZ-Mauern, sondern in Betrieben und auf Bauernhöfen oder beim Bau des so genannten "Südostwalls" entlang der ungarisch-österreichischen Grenze arbeiten mussten. Die unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen, unter denen sie litten, blieben der österreichischen Zivilbevölkerung nicht verborgen. Die Reaktionen auf dieses Leid waren unterschiedlich, von Apathie und verbalen Angriffen bis hin zu Hilfeleistungen.
Im Frühjahr 1945 wurden die jüdischen ZwangsarbeiterInnen in Todesmärschen durch Wien, Niederösterreich, das Burgenland, die Steiermark und Oberösterreich in die KZ Mauthausen und Gunskirchen getrieben. Die Wachmannschaften erhielten den Befehl, Flüchtende, Schwache und Kranke zu erschießen. Es kam aber auch zu Massakern durch SA, SS, Volkssturm und Gendarmen. Viele dieser Verbrechen wurden ebenfalls vor den Augen der Zivilbevölkerung verübt.
Nach dem Krieg führten sowohl österreichische Volksgerichte als auch 1946/47 britische Militärgerichte in der Steiermark Strafprozesse wegen dieser Gewaltverbrechen durch. Das Interesse an der Bestrafung von NS-Verbrechen nahm bereits Ende der 1940er Jahre merklich ab. Dennoch kam es zu einer erheblichen Zahl von Verurteilungen mit teilweise strengem Strafausmaß. Allerdings kamen viele der Täter in den 1950er Jahren in den Genuss von Amnestien. Die Verbrechen ebenso wie deren justizielle Ahndung fielen bald dem Vergessen anheim.
Die Republik Österreich übernahm lange Zeit keine Verantwortung für die Gräber der zehntausenden in Österreich ermordeten ungarischen Juden. Gedenktafeln und Mahnmale sind spärlich und gehen in der Regel auf Initiativen privater Organisationen zurück. Dennoch sind diese Aktionen, die Mitte der 1960er Jahre begannen und vor allem in den 80er Jahren neue Dynamik erhielten, deutliche Zeichen für ein verbessertes Verhältnis zwischen der jüdischen und der nichtjüdischen Bevölkerung in Österreich.
Bearbeiterin: Dr. Eleonore Lappin-Eppel
Informationen: INJOEST
Kooperationspartner: Verein zur Erforschung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen und ihrer Aufarbeitung
Wir danken dem Fonds zur Förderung wissenschaftlicher Forschung und dem Jubiläumsfonds der österreichischen Nationalbank für die Unterstützung!
Siehe dazu auch das Projekt Mahnmal Viehofen!
Publizierte Ergebnisse
Eleonore Lappin-Eppel, Ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Österreich 1944/45: Arbeitseinsatz – Todesmärsche – Folgen (Forschung und Wissenschaft – Geschichte, Bd. 3). Münster – Berlin – Wien 2010
Eleonore Lappin-Eppel, Das Massaker von Rechnitz im historischen Kontext. In: Gregor Holzinger, Jakob Perschy, Dieter Szorger (Red.), Das Drama Südostwall am Beispiel
Rechnitz. Daten, Fakten, Folgen (Burgenländisches Landesarchiv (Hg.), Burgenländische Forschungen Bd. 98), Eisenstadt 2009, S. 11-19.
Dies., Sonderlager für ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter. In: Wolfgang Benz und Barbara Distel (Hg.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 9, Arbeitserziehungslager, Ghettos, Jugendschutzlager, Polizeihaftlager, Sonderlager, Zigeunerlager, Zwangsarbeiterlager, München 2009, S. 218-247.
Eleonore Lappin, Tarnname "Linz". In: www.insitu-linz09.at/de/gastbeitraege/lappin-eleonore.html
Dies., Perceptions of Suffering and Survival in Testimonies of Hungarian Jewish Slave Labourers in Austria (1944/45). In: Johannes Dieter Steinert, Inge Weber-Newth (Ed.), Beyond Camps and Forced Labour - 60 Years On. Current International Research on Survivors of Nazi Persecution. London 2008, S. 283-294.
Dies., Zwangsarbeit ungarischer Juden in Österreich 1944/45 und die Todesmärsche im Frühjahr 1945. In: David 76 (2008), S. 54-62.
Dies., Strukturen der Verantwortung. Volksgerichtsverfahren wegen Verbrechen gegen ungarische Juden in österreichischen Zwangsarbeitslagern des Sondereinsatzkommandos der Sicherheitspolizei und des SD in Ungarn, Außenkommando Wien. In: Zeitgeschichte 6 (2007), S. 351-371.
Dies., Gräber ohne Namen. Grabstätten ungarischer Jüdinnen und Juden in Niederösterreich. In: Martha Keil, Elke Forisch, Ernst Scheiber (Hg.), Denkmale. Jüdische Friedhöfe in Wien, Niederösterreich und Burgenland, Wien 2006, S. 134-141.
Dies., Ungarische Juden in Niederösterreich 1944/45. In: Eleonore Lappin, Susanne Uslu-Pauer und Manfred Wieninger, Ungarisch-jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Niederösterreich 1944/45 (= Studien und Forschungen aus dem niederösterreichischen Institut für Landeskunde Band 45, herausgegeben von Willibald Rosner und Reinelde Motz-Linhart), St. Pölten 2006, S. 11-102.
Darin die Artikel: Das Massaker von Hofamt Priel, S. 103-132.
Die Opfer von Hofamt Priel - Namen, Tagebücher und autobiographische Berichte (Edition), S. 133-173.
Dies., Ungarische Jüdinnen und Juden in Theresienstadt. Das Schicksal "privilegierter" jüdischer Arbeitssklav/innen. In: Jaroslava Milotová, Michael Wögerbauer, Theresienstädter Studien und Dokumente 2005, S. 150-165.
Dies., Mad'arsti Zide v Terezine. Osud "privilagovanych" pracovnich otrokú. In: Jaroslava Milotová (Hg.), Terezínské Studie a Dokumenty 2005, S. 136-150.
Dies., Zwangsarbeiter/innen und Helfer/innen in Gmünd und Weitra. In: Christian Gmeiner, Eleonore Lappin (Hg.), Shatil. Intervention in die Erinnerungskultur des Waldviertels. Ehrungen von Lebensrettern/innen aus dem Jahr 1945, 17 S.
Dies., Der Todesmarsch ungarischer Jüdinnen und Juden von Ungarn nach Mauthausen im zeitgeschichtlichen Kontext. In: Heimo Halbrainer, Christian Ehetreiber (Hg.), Todesmarsch Eisenstraße 1945. Terror, Handlungsspielräume, Erinnerung: Menschliches Handeln unter Zwangsbedingungen, Graz 2005, S. 59-94.
Dies., Die Todesmärsche ungarischer Juden durch Österreich im Frühjahr 1945 online.
Dies., Todesmärsche durch den Gau Oberdonau. In: Siegfried Haider und Gerhard Marckhgott (Red.), Oberösterreichische Gedenkstätten für KZ-Opfer, Linz 2001, S. 77-92. Karte zur Illustration, zum Vergrößern klicken!
Dies., Die Todesmärsche ungarischer Juden nach Mauthausen und Gunskirchen. In: Mauthausen Memorial
Dies., Die Ahndung von NS-Gewaltverbrechen im Zuge der Todesmärsche ungarischer Juden durch die Steiermark. In: Winfried Garscha, Claudia Kuretsidis (Hrsg.), Keine Abrechnung. Wien 1998, S. 32-53.
Dies., Opfer als Zeugen in Gerichtsverfahren wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen: Ein unterbliebener Opfer-Täter-Diskurs. In: Gertraud Diendorfer/Gerhard Jagschitz/Oliver Rathkolb (Hrsg.), Zeitgeschichte im Wandel. 3. Österreichische Zeitgeschichtetage 1997, Innsbruck, Wien, 1998, S. 330-336.
Dies., Ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter in Österreich 1944/45. In: Martha Keil, Eleonore Lappin (Hrsg.), Studien zur Geschichte der Juden in Österreich, Bd. 2. Bodenheim/Mainz 1997, S. 141-168.
Dies., Prozesse der britischen Militärgerichte wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen an ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern in der Steiermark. In: Rudolf G. Ardelt, Christian Gerbel (Hrsg.), Österreichischer Zeitgeschichtetag 1995, Innsbruck-Wien 1997, S. 345-350.
Dies., Der Weg ungarischer Juden nach Theresienstadt. In: Theresienstädter Studien und Dokumente 1996, S. 52-81.
Dies., Ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter in Wien 1944/45. In: Martha Keil, Klaus Lohrmann (Hrsg.), Studien zur Geschichte der Juden in Österreich, Bd. 1. Wien-Köln 1994, S. 140-165.
Dies., Rechnitz gedenkt der Opfer der NS-Herrschaft. In: Jahrbuch des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (1992), S. 50-70.
Günther Burczik, "Nur net dran rührn!" Auf den Spuren der Todesmärsche ungarischer Juden durch Österreich nach Mauthausen im April 1945. Martha Keil, Eleonore Lappin (Hrsg.), Studien zur Geschichte der Juden in Österreich, Bd. 2. Philo-Verlag, Bodenheim/Mainz 1997, S. 169-204.
Benedikt Friedmann, Iwan, hau' die Juden! Die Todesmärsche ungarischer Juden durch Österreich nach Mauthausen im Frühjahr 1945. Hrsg. vom Institut für Geschichte der Juden in Österreich. Augenzeugen berichten, Heft 1, St. Pölten 1989.

