1848 - Erlebte Revolution
Das Tagebuch eines Wiener Juden (Deutsch mit hebräischen Lettern)
Die Melker Stiftsbibliothek verwahrt seit März 2003 eine besondere Kostbarkeit: Das die Zeit vom 27. August 1848 bis 31. Mai 1850 umspannende Tagebuch eines im Text nicht genannten Wiener Juden. "Fundort" war das Altstoffsammelzentrum Bad Zell in Oberösterreich, wo ein aufmerksamer Angestellter den unscheinbaren Band dem Müllberg entnahm. Weitere acht (!) Bücher gingen leider unwiederbringlich verloren. Über persönliche Kontakte gelangte das Buch zu Pater Gottfried Glaßner vom Stift Melk und wurde als "Codex 1516" der Handschriftensammlung der Melker Stiftsbibliothek eingegliedert. Auf 368 eng beschriebenen Seiten sind die Eintragungen in sauberer hebräischer Kursive verfasst, unter Verwendung der ab dem frühen 18. Jahrhundert für das Hochdeutsche üblichen Orthographie.
Die ausführlichen Beschreibungen des Verfassers des Tagebuchs, der als Benjamin Bernhard Kewall aus Polna/Böhmen identifiziert werden konnte, eröffnen einen neuen Zugang zu erlebter Geschichte rund um die Wiener Ereignisse von 1848. Er beobachtete die Revolutionsereignisse buchstäblich "vor seiner Haustüre" in der Jägerzeile, heute Praterstraße, und war als Hauslehrer und Journalist hervorragend informiert. Folgt man dem Autor und seinen Beschreibungen so führt er uns durch die Stadt hin zum Parlament (um politische Reden zu hören), ins Kaffeehaus (wo sich die RegierungskritikerInnen trafen) und des Öfteren ins Theater (wohl seine liebste Freizeitvergnügung). Er bietet uns ein vielschichtiges Bild der Wiener Gesellschaft, bestehend aus revolutionären Studenten und ArbeiterInnen, uniformierten Frauen und eingeschüchterten Beamten, schwarzgelben und roten BürgerInnen, den Rotmänteln des Jellacic und den revolutionären Nationalgardisten etc.
Seine Aufzeichnungen spiegeln die Erlebnisse und Überzeugungen eines liberalen Juden und Journalisten in einer revolutionären Zeit wider. Sein Judentum erlebt er hauptsächlich bei Pessachfeiern und anderen hohen Feierlichkeiten oder wenn er mit dem neu aufkeimenden Antisemitismus konfrontiert wird.
Aufgabe dieses Projekts war es, sich mit den Lebenswelten des Tagebuchschreibers sowie seinen historischen Darstellungen und individuellen Perspektiven zu beschäftigen. Aufgrund fehlender Quellen war bisher eine jüdische Perspektive auf die Ereignisse und Auswirkungen der Revolution von 1848 nur eingeschränkt möglich. Mit der Veröffentlichung dieses Selbstzeugnisses ist daher ein erweiterter und teilweise neuer Zugang geboten. Die Publikation von Wolfgang Gasser und Gottfried Glaßner umfasst Faksimile und Transkription der Quelle, ihre textkritische Bearbeitung sowie einen biographischen Abriss über den Autor.
Wolfgang Gasser, Erlebte Revolution 1848/49. Das Tagebuch des Wiener jüdischen Journalisten Benjamin Kewall. Unter Mitarbeit von Gottfried Glaßner (Quelleneditionen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Bd. 3). Oldenbourg Verlag, Wien-München 2010. 540 S., ISBN 978-3-486-58939-9, € 49,80
Informationen: Dr. Wolfgang Gasser
Wir danken dem Stift Melk für die Unterstützung des Projekts!
Rezensionen:
Sehepunkte
Weitere Publikationen
Wolfgang Gasser, Ich bin mitten in eine gewaltige zeitgeschichtliche Bewegung versetzt worden...“ – Vier politische Tagebücher aus der Wiener 1848er-Revolution. In: Anna Mitgutsch, Wolfgang Gasser, Claudia Lehner, Petra-Maria Dallinger, Tagebücher. Aufzeichnungen aus bewegten Zeiten. Publikation des Stifterhauses, Zentrum für Literatur und Sprache in Oberösterreich. Linz 2009, S. 18-51.
Ders., Analyse zum Tagebuch von Benjamin Kewall aus der Wiener Revolution 1848/49 in 2 Bdn. Phil. Diss. Universität Wien 2009.

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