Von Silberhändlern und Münzjuden

Juden und die Wiener Münze im Kontext der landesfürstlichen Münzpolitik in der Frühen Neuzeit

Projektleiter: Univ.-Prof. Dr. Thomas Winkelbauer (Universität Wien)
Bearbeiterin: Dr. Barbara Staudinger, Dr. Martha Keil

Die Beteiligung an der Münze bedeutet neben einem erhofften finanziellen Gewinn auch symbolisches Kapital. Weitreichende finanzielle wie wirtschaftliche Kontakte waren notwendig, um eine Münzstätte betreiben zu können.

Welche Bedeutung jüdische Silberhändler für die Wiener Münze hatten, erhellt sich aus der Tatsache, dass unter den ersten Juden, die nach der Wiener Gesera von 1420/21 in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Österreich unter der Enns angesiedelt und mit Privilegien ausgestattet wurden, einige Silberlieferanten waren, die bereits für die Münzstätte arbeiteten.
In der Folge konnten sich regelmäßige Handelsverbindungen zwischen jüdischen Händlern und der kaiserlichen Münzstätte in Wien jedoch nur langsam intensivieren. Gründe waren sowohl die antijüdische Politik der niederösterreichischen Landstände, die gegen die Ansiedlung von Juden opponierten, als auch Probleme innerhalb des Münzwesens, das mit der illegalen Ausfuhr von Geld, ein Delikt, das man insbesondere jüdischen Kaufleuten vorwarf, zu kämpfen hatte. Neben den Steuer- und Kreditforderungen, die ab dem 17. Jahrhundert immer öfter an die jüdische Gemeinde herangetragen wurden, kam die Judenschaft auch immer öfter in das Visier des Münzmeisters. Ob man einzelnen Juden vorwarf, illegal Geld zu prägen, oder Schmuckstücke konfiszierte, die an der Münze geschätzt wurden, die Juden wurden als Konkurrent im Geld- und Edelmetallgeschäft durchaus wahrgenommen.

Das Geschäft an der Wiener Münzstätte erlebte durch den Krieg und die Finanznot des Kaisers einen regelrechten "Boom". Da für die Bezahlung der Truppen zu wenig gemünztes Geld vorhanden war, wurde der Edelmetallgehalt des Geldes bei gleichbleibendem Nominalwert gesenkt, was die Geldmenge erhöhte und den Gewinn der Münzproduzenten erheblich steigerte. Folge davon war eine rasante Inflation. Ab 1619 wurden in böhmischen und mährischen Münzstätten minderwertige Münzen, sogenannte "Kippermünzen", geprägt, ab 1621 auch an den kaiserlichen Münzstätten. Zur kurzfristigen Geldbeschaffung, die von der Münzproduktion unabhängig sein sollte, wurden die Münzstätten auch an private Unternehmer, darunter auch Juden, verpachtet.
Bereits 1623 wurde das Ausprägen von minderwertigem Geld durch die "Münzcalada" Ferdinands II. beendet und den Wiener Juden unter Androhung des Verlusts aller ihrer Privilegien der Silber- und Pagamenthandel sowie die Verschmelzung und Ausführung von Münzen verboten. Die zuvor geprägten minderwertigen Münzen wurden eingezogen, eingeschmolzen und in hochwertige Münzen umgeprägt.

Mit der Münzcalada war die Tätigkeit von Juden an den kaiserlichen Münzstätten nicht beendet. Nachdem bereits 1633 die Einsetzung des Wiener Hofjuden Leb Pollack als Goldscheider bei der Wiener Münze diskutiert worden war, konnte schließlich wenig später Salomon Wechsler dort nicht nur als Pagament- und Edelmetalllieferant, sondern auch als Scheider tätig werden. Ab den 1640er Jahren waren Juden, die sogar den Titel eines "kaiserlichen befreiten Münzlieferanten" führten, aber auch Hofjuden, so z. B. Jakob Prager und Jakob Levi del Banco, an der kaiserlichen Münze beschäftigt. Obwohl eine Pacht der Münze durch jüdische Konsortien nicht mehr möglich war und auch das Verbot des illegalen Einschmelzens und der Münz- und Pagamentausfuhr immer wieder - unter dem Verdacht, Juden würden sich als "Winkelscheider" und Geldaufwechsler betätigen - erneuert wurde, blieben Juden weiterhin als Edelmetalllieferanten wirtschaftlich mit der Münzstätte verbunden und versorgten als Pagamenthändler die Wiener Münze mit Silber.

Dies änderte sich, nachdem sich Kaiser Leopold I. 1669 für die Ausweisung aller Juden aus Wien und Niederösterreich entschieden hatte. Offensichtlich hatten die Wiener Juden jedoch im Pagamenthandel eine so zentrale Rolle inne, dass die Silberlieferungen an die Wiener Münze nach der Vertreibung vollständig zusammenbrachen. Die Situation an der Münzstätte war, wie zahlreiche Klagen der Münzbeamten nahe legen, dramatisch geworden. Trotz verschiedener Initiativen, jüdische oder auch nichtjüdische Silberhändler als Zulieferer der Münzstätte zu gewinnen, verbesserte sich die Lage nicht.

Bald darauf änderten sich jedoch die Rahmenbedingungen. Mit den ersten Hofjuden waren wieder - wenn auch zunächst nur einzelne - Juden in der kaiserlichen Residenzstadt ansässig geworden. Zögerlich wurde auch wieder auf jüdische Münzlieferanten zurückgegriffen. 1681 wurde dazu Marx Schlesinger bestellt, dem sein Sohn Benjamin Wolf Schlesinger folgte. In den 1690er Jahren ist ein Pressburger Jude als Silberlieferant für die Münzstätte belegt. Im frühen 18. Jahrhundert waren wiederum zahlreiche Hofjuden im Pagamenthandel für die Wiener Münze beschäftigt. Wie bereits im 16. Jahrhundert stand die Niederlassung von Juden in der Residenzstadt wieder im Zusammenhang mit der Beteiligung der Juden an der Münzstätte. Doch erst im Laufe der 1720er Jahre wurden schließlich, damit das Münzwesen wegen Silbermangels keinen weiteren Schaden erleide, eigene so genannte "Münzjuden" in Wien geduldet.

Die Funktion von Juden als Silberlieferanten der kaiserlichen Münze hatte also nicht ersetzt werden können. Die Gründe dafür zeigen sich besonders deutlich in der Zeit nach der Ausweisung von 1670: Der Silberhandel erforderte ein dichtes Netz an Handelskontakten zu Regionen, von wo Edelmetall eingeführt werden konnte. Da Silber vor allem aus dem Osmanischen Reich importiert wurde, gab es nur wenig Konkurrenz für jüdische Kaufleute. Sie verfügten nämlich, nicht zuletzt in Folge der Ausweisung, als viele Wiener Juden im osmanischen Teil Ungarns Aufnahme fanden, über zahlreiche Handelskontakte dorthin.

Informationen: Dr. Martha Keil

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