Jüdische Lebensräume
216 vom Historiker Albert Lichtblau im Auftrag des Instituts in den USA gesammelte Lebensgeschichten und Erinnerungen österreichischer Jüdinnen und Juden liegen - meistens in Kopie - am Institut auf (siehe hierzu das Projekt Lebenserinnerungen). Dieses einzigartige Datenmaterial wurde von Dr. Eleonore Lappin-Eppel systematisch ausgewertet. Zuletzt geschah dies im Rahmen des Projekts Alltag, Religion, Kultur, Politik: Jüdische Lebensräume in Wien 1918 – 1939, welches vom Zukunftsfonds der Republik Österreich und von der MA7 - Wissensschaft der Stadt Wien gefördert wurde. Ziel des Forschungsprojekts war es aufzuzeigen, wie Wiener Jüdinnen und Juden während der Ersten Republik, zur Zeit des autoritären Ständestaats und unter der NS-Herrschaft bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Wien lebten. Einerseits zeigte sich eine umfassende kulturelle und wirtschaftliche Integration, andererseits wurden aber auch die verbliebenen gesellschaftlichen Schranken, bewirkt durch den Antisemitismus, sichtbar.
Methodischer Ansatz dieses Projekts war, narrative Muster und die sprachlich geformten Bilder über die Vergangenheit in den geschriebenen Lebenserinnerungen zu erkennen und zu interpretieren. Um einen möglichst breiten Erkenntnisgewinn zu garantieren, wurde eine Kombination aus quantitativen und qualitativen Methoden gewählt.
Die quantifizierende Methode sollte allgemeine Schlüsse ermöglichen. Dies bezog sich nicht nur auf strukturelle Fragen hinsichtlich der Zusammensetzung der Autorenschaft (Geburtsjahrgänge, Geburtsorte, Bildungsgrad, soziale Schichtung, Fluchtwege und Asylländer), sondern auch auf die Lokalisierung religiöser und politischer Orientierungen und die von den Autorinnen und Autoren vorgenommenen Bewertungen einzelner Aspekte ihres Lebens, wie z.B. des Antisemitismus oder der Religion. Durch die Klassifikation und quantifizierende Zusammenschau konnten die Aussagen gewichtet werden.
Autobiographien sind so genannte "weiche Quellen", also Quellen, die subjektive Wahrnehmungen und Erfahrungen wiedergeben und damit zunächst nicht auf ihren objektiven Wahrheitsgehalt hin beurteilt werden können. Im Englischen werden etwa die Begriffe "History" und "Memory" zur Unterscheidung unterschiedlicher Perspektiven auf die Vergangenheit verwendet, auch im Deutschen wird von "Geschichte" und "Gedächtnis" gesprochen bzw. sollte hier zwischen "Geschichte" und "Geschichtsbildern" unterschieden werden. Für die Analyse von Lebenserinnerungen wurde der Begriff der "Narrativität" eingeführt.
Es wurde davon ausgegangen, dass es einen Unterschied macht, wann, wo und für wen die Texte verfasst wurden, wer also das Zielpublikum im Moment des Schreibens war. Weiters wurde von der These ausgegangen, dass die erlittenen NS-Erfahrungen den retrospektiven Blick wesentlich formten. Dieser These zufolge macht es einen Unterschied, ob den Autorinnen und Autoren die Flucht mit ihrer Kernfamilie gelungen ist oder ob nächste Familienmitglieder und Partner im Nationalsozialismus ermordet wurden bzw. im KZ interniert waren.
Die Art der Beziehung zu Österreich nach Ende des Zweiten Weltkriegs wirkte sich auf die Beschreibung des früheren Lebens in diesem Land aus. Dejenigen, denen es gelang, nach 1945 durch Reisen und mittels persönlichen Beziehungen einen erneuten positiven Kontakt zu Österreich herzustellen, beurteilen iht Leben bis zum Nationalsozialismus anders als jene, die jeglichen Kontakt zur ehemaligen Heimat abgebrochen haben. Eine Änderung der politischen oder religiösen Orientierung im späteren Leben formte die retrospektive Beschreibung ebenfalls grundlegend und musste deswegen für die Analyse der Texte unbedingt mitberücksichtigt werden. Weitere wichtige Analyse-Kriterien waren der Einfluss der Akkulturation und Herkunft, der Generation und des realen und sozialen Geschlechts.
Informationen: INJOEST
Wir danken dem Zukunftsfonds der Republik Österreich, der Kulturabteilung der Stadt Wien und dem Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank für die Förderung dieses Projekts!
Publizierte Ergebnisse
Eleonore Lappin-Eppel, Zions Töchter - Mädchen in der Zionistischen Jugendbewegung. In: Gerald Lamprecht (Hg.), "So wirkt ihr lieb und hilfsbereit ..." Jüdische Frauen in der Geschichte (CLIO gesellschaftspolitische Schriften, Bd. 8), Graz 2009, S. 83-104.
Eleonore Lappin, Jüdische Lebenserinnerungen. Rekonstruktionen von jüdischer Kindheit und Jugend im Wien der Zwischenkriegszeit. In: Frank Stern, Barbara Eichinger (Hrsg.), Wien und die jüdische Erfahrung 1900-1938. Akkulturation - Antisemitismus - Zionismus. Wien-Köln-Weimar 2009, S. 17-39.
1938. Auftakt zur Shoah in Österreich. Orte - Bilder - Erinnerungen. Hrsg. von Dieter J. Hecht, Eleonore Lappin, Michaela Raggam-Blesch, Lisa Rettl und Heidemarie Uhl. Milena Verlag Wien 2008 . 48 Seiten, Format 170 x 240, 72 Abbildungen, Coverillustration: Melissa Gould , Fotografie: Edward Woodman, Covergestaltung: Larissa Cerny, ISBN 978 3 95286 165 4.
Eleonore Lappin, Fanny von Arnstein and her Biographer Hilde Spiel. In: Judit Gazsi, Andrea Petö und Zsuzsanna Toronyi (Hrsg.), Gender, Memory and Jewish Women in Contemporary Europe (Studien zur Geschichte Ost- und Ostmitteleuropas, Bd. 6). Budapest-Herne 2007, S. 89–104.
Eleonore Lappin, Endbericht des Projekts „Wien 1918–1938. Die retrospektive Perspektive österreichisch-jüdischer Autobiographien“ (ungedr.). St. Pölten 2006.
Jüdische Lebensgeschichten. Erinnertes Leben – Erzähltes Gedächtnis (Juden in Mitteleuropa 2006).
Albert Lichtblau (Hg.), Als hätten wir dazugehört – österreichisch-jüdische Lebensgeschichten aus der Habsburgermonarchie. In Zusammenarbeit mit dem Leo Baeck Institute, New York und dem Institut für Geschichte der Juden in Österreich. Wien-Weimar 1999.
Publizierte Autobiografien jüdischer ÖsterreicherInnen:
Augenzeugen berichten
Spuren in der Zeit
