Koscher im Krieg. Die Lebensmittelversorgung der jüdischen Bevölkerung in Niederösterreich 1914-1918

FTI-Projekt, Forschungsverbund Nahrung

Der Kriegsbeginn erhöhte den Bedarf an koscherer Kost im Kronland enorm. Bereits ab September 1914 flohen hunderttausende vielfach orthodoxe und damit observante Juden und Jüdinnen aus Galizien und der Bukowina vor dem Vormarsch der russischen Armeen in das Innere der Monarchie, nach Böhmen, Mähren und Niederösterreich sowie Zigtausende nach Wien. In den ersten Wochen und Monaten wurden aber auch Tausende auf dem Land untergebracht. Noch 1914 begannen die Behörden mit der Errichtung eines großen Flüchtlingslagers in Bruck an der Leitha, das auch über eine eigene Synagoge verfügte. In der ersten Hälfte des Jahres 1915 scheint der Großteil der Flüchtlinge außerhalb Wiens in dieses (und andere, wahrscheinlich mährische) Lager eingewiesen worden zu sein. Etwa ein Viertel der ca. 5000 Menschen fand bei Verwandten Aufnahme.

Die Grundversorgung der Flüchtlinge wurde ganz bewusst nicht von den Kultusgemeinden (IKG) wahrgenommen, da man dies, wie alle übrigen Religionsgemeinschaften auch, als Aufgabe des Staates betrachtete. Die zahlreichen jüdischen Soldaten und Verwundeten aus allen Teilen der Monarchie wurden aber vor allem zu den hohen Feiertagen von den IKG, Vereinen oder Privatpersonen eingeladen, während Armee und Behörden die koschere Grundversorgung gewährleisteten. Ein Forschungsschwerpunkt liegt also auf dieser "jüdischen Zivilgesellschaft", an der auch die Frauen aktiv teilhatten, ein weiterer auf die Lieferung koscherer Lebensmittel durch grenznahe ungarische Gemeinden, trotz der strengen Maßnahmen gegen Lebensmittelschmuggel.

Ab Winter 1916/17 herrschte allgemein Nahrungsmittelknappheit und Hunger. Ob noch die Möglichkeit zu koscherem Essen bestand, muss ebenso untersucht werden wie die Auswirkungen von Schwarzmarkt und Nahrungsmittelteuerung auf Propaganda und Judenhetze. Für diese Themen werden sowohl Akten zur Kriegsflüchtlingsfürsorge und Marktaufsicht als auch jüdische und nichtjüdische Zeitungen herangezogen.

Sachbearbeiter: |mail: Dr. Christoph Lind|

Finanziert durch die |FTI-Strategie des Landes Niederösterreich|

In Kooperation mit
|Institut für Geschichte des ländlichen Raumes|
|Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit der Universität Salzburg|
|Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung/Außenstelle Raabs|